Made In China – Import per Express

China ist heute der weltweit größte E-Commerce-Markt mit einem Anteil von über 50 % am globalen Onlinehandel. Wie weit voraus das Land mit seinem Import-Modell auch in der Logistik bereits ist? Martin Füll gibt spannende Einblicke.

China ist ein Land der Superlative. Es ist Exportweltmeister, Wirtschaftsmacht mit rasantem Wachstum und zweitbevölkerungsreichstes Land der Welt. Mit seinem E-Commerce-Import-Modell, rapider Technologieentwicklung und führenden Plattformen wie Alibaba, JD.com oder Pinduoduo (der Muttergesellschaft von Temu) dominiert China den globalen Onlinehandel. Das Land ist mittlerweile auch führend im Bereich E-Commerce-Logistik – sowohl in der Intra- als auch in der Paketlogistik. Martin Füll, Division Manager E-Commerce & Logistic bei Logistic Natives, über die Hintergründe und Auswirkungen.

Die 3 Erfolgsgeheimnisse

  • Strategie: Sowohl E-Commerce als auch Logistik und Export nach Europa sind in China bereits seit langem strategische Themen. Das Land legt den Fokus auf die Schaffung passender Rahmenbedingungen sowie umfangreiche Investitionen. Der dynamische kapitalistische Konkurrenzkampf – durchaus auch mit Ellenbogenmentalität – fördert die enorm rasche Entwicklung zusätzlich.
  • Kosten: China ist kostenseitig aufgrund seiner Größe und hohen Effizienz optimal aufgestellt. Logistik ist industrialisiert plus automatisiert und damit um ein Vielfaches schneller. Die Kostenvorteile ergeben sich damit nicht nur aus der Produktion, sondern auch aus der optimierten Intra- und Transportlogistik. Ein Beispiel: Spezialisierte Transportflugzeuge mit einer Kapazität von 150.000 Paketen machen – auf die Stückkosten heruntergebrochen – den Transport von China nach Amsterdam günstiger als das Verbringen von Amsterdam nach Wien. Auch der Eingang der Pakete in Österreich sowie die Zolltransaktionen sind optimiert. Päckchen mit Destination Österreich landen zumeist nicht direkt im Land, sondern an Standorten, wo Infrastruktur und Zollstruktur die reibungslose Abwicklung großer Mengen zulassen, z.B. In den Benelux-Staaten oder Ungarn.
  • Marketing: Plattformen wie Temu haben umfangreiche Erfahrung und kreative Ansätze in der modernen Vermarktung für den Cross-Border E-Commerce. Auch Social Media wie das chinesische Kurzvideoportal Douyin, das außerhalb Chinas als TikTok bekannt ist, werden dafür genutzt. Zum Vergleich: Douyin kommt in seiner Größenordnung (Umsätze) mittlerweile Amazon nahe.
Martin Füll
Martin Füll

Abschotten oder mitmachen
Wie weit voraus China bei E-Commerce und Logistik im Non-Food-Bereich wirklich bereits ist, wird massiv unterschätzt, ist Martin Füll überzeugt. Auch im Food E-Commerce gibt es bereits funktionierende Modelle, zudem hat China mittlerweile konkurrenzfähige Dienstleistungen in der Intralogistik und auf der Last Mile für europäische Anbieter im Portfolio und drängt auch lokal auf den Markt. Wichtig für Unternehmen ist, nicht in die „Es-wird-schon-nichts passieren-Falle“ zu tappen, sondern sich vorzubereiten. In dieser disruptiven Zeit gilt es, die Supply Chain stärker zu verzahnen, Partnerschaften einzugehen, Standortvorteile zu nutzen sowie sich mit Produkten zu positionieren, die schwer zu kopieren sind. „Unternehmen sollten sich verstärkt mit der Thematik beschäftigen und in den eigenen Planungen berücksichtigen, dass die Konkurrenz mehr und mehr auch aus China kommen kann und wird. Denn es sind auch zukünftig keine relevanten Eintrittsbarrieren vorauszusehen“, so der Experte.

Ideelle Partner der Kompetenzvernetzung Österreichs im Sektor Logistik