Keine Zeit, kein Budget: In wirtschaftlich fordernden Zeiten wird der Rotstift oft an der Weiterbildung angesetzt. Welche Risiken dies jedoch für Unternehmen mit sich bringt? Katrin Henner teilt ihre Erfahrungen aus der Praxis.
Wirtschaftlicher Druck erzeugt in vielen Unternehmen den Reflex, an Weiterbildungsbudgets zu sparen. Das ist verständlich, aber strategisch riskant, weiß Katrin Henner, Head of Management & Technology Area, Academy for Continuing Education der TU Wien. Denn gerade in der Logistik, die sich durch Automatisierung, KI-Integration und veränderte Lieferkettendynamiken in einem fundamentalen Wandel befindet, entscheiden Qualifikation plus Anpassungsfähigkeit über die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit.


Was es braucht
Technisches Grundverständnis für KI und Datenanalyse ist inzwischen keine Spezialqualifikation mehr, sondern Basisanforderung für Führungsrollen. Wer Lieferketten steuert, muss verstehen, was Algorithmen liefern und wo die Grenzen liegen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an strategischer Führungskompetenz: die Fähigkeit, Komplexität zu navigieren, cross-funktional zu denken und Veränderungsprozesse zu managen. Nachhaltigkeit kommt als dritte Dimension hinzu, denn regulatorischer Druck sowie Kundenforderungen machen ESG-Kompetenz in der Logistik zur operativen Notwendigkeit. Interessant ist, dass die drei Felder Technologie, Business und Menschen einander bedingen. Bei Weiterbildung gilt daher: Keine Siloqualifikation, sondern die Verbindung aller drei Dimensionen.
But Why Not?
Neben fehlendem Budget ist der Zeitfaktor, Mitarbeitende aus dem Tagesgeschäft zu nehmen, oft entscheidendes Argument gegen Weiterbildung. Beides sind legitime Gegebenheiten im operativen Alltag – strategisch gesehen kann dies jedoch problematisch werden. Denn entscheidend ist, nicht nur die Kosten der Weiterbildung, sondern auch die der Nicht-Weiterbildung zu kennen: Fehlentscheidungen im Management, Fluktuation, Innovationsstau. Sie sind komplexer zu beziffern, aber erheblich teurer. Konsequent berufsbegleitende Angebote für Kurzformate oder auch tiefere Qualifikationssprünge lassen sich gezielt in den Arbeitsalltag integrieren, entschärfen damit die zeitlichen Bedenken. Die unmittelbarsten positive Effekte kontinuierlicher Weiterbildung spüren Unternehmen auf drei Ebenen:
- Operative Ebene: Qualifizierte Mitarbeitende treffen bessere Entscheidungen, schneller und mit weniger Eskalationsbedarf.
- Strategische Ebene: Führungskräfte, die technisches Fachwissen mit unternehmerischem Denken verbinden, können Transformationsprozesse tatsächlich gestalten, statt sie nur zu verwalten.
- Bindungsebene: Die oft unterschätzte Dimension: Weiterbildung ist ein profundes Signal an die Mitarbeitenden, dass das Unternehmen in sie investiert. Weiterbildung wirkt bindend: Mitarbeitende, die Entwicklungsmöglichkeiten sehen, bleiben länger, sind motivierter und identifizieren sich stärker mit dem Unternehmen.

Entscheidung für Zukunft
Weiterbildung sollte nicht punktuell, sondern entlang des gesamten Karrierewegs gedacht werden. Was wirkt, ist ein durchgängiges Angebot. Ein zweitägiges Seminar kann der passende Einstieg sein, um ein spezifisches Kompetenzfeld zu schärfen. Ein MBA ist der richtige Schritt, wenn Mitarbeitende den Sprung in eine Führungsrolle vorbereiten. Entscheidend ist, dass Unternehmen diese Weiterbildungspfade aktiv gestalten – nicht als HR-Maßnahme, sondern als strategische Investitionsentscheidung auf Führungsebene. Gerade in einem sich wandelnden Ökosystem sichern zudem maßgeschneiderte Lerninitiativen – innerhalb des Unternehmens oder gemeinsam mit Partnern entlang der Lieferkette – gezielt den Aufbau neuer Kompetenzen und damit Anpassungs- und Innovationsfähigkeit. „Wer Weiterbildung strategisch verankert, stärkt seine Anpassungsfähigkeit und damit seine Resilienz. Die, die es nicht tun, werden langfristig den Rückstand kaum noch aufholen können“, so Katrin Henner eindringlich.